Editorial & Fernsehen gvsteigerwald | 01 Sep 2008
Gnadenlos gerecht
Wie fange ich an? Also, da gibt es seit 20. August dieses erbärmliche Sendungsformat bei Sat.1, wo eine Sozialfahnderin mit ihrem Sicherheitschef auf Kontrolle gehen. Okay, dass die Sendung schlecht ist, darüber haben andere ausführlicher geschrieben, dass sie eine Farce ist, dazu gab es auch schon Meldungen. Ich will mich deshalb hier auch nicht darüber aufregen, welches Bild von Sozialhilfeempfängern einerseits, und Sozialhilfegewährern (oder eben Nicht-Gewährern) andererseits da gezeichnet wird, sondern über eine ganz andere Sache, die den Normalfernseher (also den normalen Bürger, der fern sieht – vielleicht sollte ich Zuschauer sagen) wohl nur am Rande interessiert, mich dafür aber umso mehr.
Warum nämlich, warum ist eine Sozialfahnderin, deren Befugnisse sich allenfalls auf das Durchsuchen freiwillige Hereingelassenwerden in Wohnungen erstrecken, und die lediglich darüber zu entscheiden hat Grundlagen für die Entscheidungsfindung zu ermitteln hat, ob jemand vom Staat etwas bekommt, immer mit ihrem persönlichen Sicherheitschef unterwegs, welcher sich im Falle bereits als potentiell aggressiv bekannter Bürger auch schonmal mit Spezialhandschuhen ausrüstet, während unsereins, dessen Aufgabe es immer ist, dem Bürger etwas wegzunehmen, grundsätzlich alleine unterwegs ist, und Spezialhandschuhe schon deshalb nicht braucht, weil er im Zweifelsfall gar nicht weiß, ob jemand als aggressiv bekannt ist oder nicht (es sei denn, man kennt die betreffende Person bereits aus vergangenen Aufträgen, wobei man wohl auch damals schon handschuhfrei im Einsatz war)?
Man muss sich das mal bildlich vorstellen: Der Weihnachtsmann geht beim Wunschlistensammeln also mit Bodyguard von Haus zu Haus, während Knecht Ruprecht, der ja nur einbrechen, wegnehmen, verhaften und aus der Wohnung werfen kann, schon alleine klarkommt.
Okay, weil das vielleicht etwas verwirrend klingt, und weil’s der erste Blogeintrag ist, will ich hier einmal kurz sagen, worum es geht: Ich bin Gerichtsvollzieher. Mein Job ist es, Menschen zu ihrem gerichtlich erstrittenen Recht zu verhelfen; wenn dies nicht freiwillig erfolgt, muss es eben unfreiwillig erfolgen. Ich gehöre damit zu einem Berufsstand, den schon von seiner Konzeption her niemand mögen kann, und der es dann natürlich auch niemandem recht macht. Dem Gläubiger sind wir nicht schnell, oder wenn der Schuldner zahlungsunfähig ist, nicht streng genug, dem Schuldner gegenüber sind wir natürlich ganz unverschämte Leute, die es wagen, ganz ungerechtfertigte Forderungen einzutreiben, und für die Justizverwaltung sind wir irgendwie ein Ärgernis, weil wir uns zwangsläufig aus deren Kontrollsphäre herausbegeben müssen, jedoch ebenso zwangsläufig, weil’s in Deutschland eben nicht anders geht, kontrolliert werden müssen.
Über meinen ganz normalen Wandertag reflektiert daher dieses Blog. Gnadenlos. Ohne Spezialhandschuhe.